• Roman

    Meine Gedanken stehen unter einem Baum und sehen in die Krone von Kjersti A. Skomsvold

    Wie verändert sich das Leben der Autorin nach der Geburt ihres 2. Kindes? Wird sie weiterschreiben können? Kjersti A. Skomsvold geht diesen Fragen und den Veränderungen, die mit dem Kind kommen nach.

    Die Autorin startet mit der Geburt des 2. Kindes und erzählt in Reflektionen von sich, vom Schreiben, von ihrer Beziehung, von früheren Beziehungen und von ihren Ängsten. Davon die Balance zu finden, zwischen den Ansprüchen von Kindern und Familie, dem Präsentsein müssen und der Sehnsucht nach Einsamkeit und Ruhe, die sie zum Schreiben benötigt. Soviel auf gerade einmal 123 Seiten. Ein dünnes Schwergewicht. Die Sprache der Autorin ist kompakt, in jedem Satz steckt mehr, als auf den ersten Blick vermutet. Oft geht es um ihre Ängste, aber auch um das Lachen, um das Zueinanderfinden in Beziehungen und natürlich um das Schreiben.

    Ehrlich gesagt, habe ich mich schwer getan, das Buch zu beginnen. Hatte das Gefühl, das Thema Kinder und die Veränderungen die sie in unser Leben bringen, ist nicht mehr meines. Jetzt bin ich froh, dass ich mich auf das Buch eingelassen habe. Eine Autorin, von der ich gerne mehr lesen möchte.

  • Einfach schön,  Roman

    Das Eis-Schloss von Tarjei Vesaas

    Eine Stadt in Norwegen, ein Wasserfall, der im Winter zum Eis-Schloss friert und die beiden 11-jährigen Mädchen Siss und Unn, sind die Protagonist!nnen in Tarjei Vesaas Roman.

    Unn, die ihre Mutter verloren hat, kommt in die Stadt, um nach dem Tod ihrer Mutter, bei ihrer Tante zu leben . Durch ihre Traurigkeit ist sie eine Außenseiterin. Siss, eine robuste 11-jährige und oft die Anführerin ihrer Gruppe, gelingt es schließlich Unn näher zu kommen. Die Mädchen verbringen einen Abend miteinander, an dem Unn ein dunkles Geheimnis andeutet. Am nächsten Tag ist Unn verschwunden und bleibt es auch.

    Mit Unns Verschwinden erstarrt auch die Welt für Siss. Sie verliert sich fast selbst bei dem Versuch ihre Freundin nicht zu vergessen. Das Eis-Schloss ragt sowohl als Bedrohung, als auch als Metapher über der Geschichte. Es könnte ein Symbol für das an keiner Stelle enthüllte Geheimnis Unns stehen, aber auch für den Übergang von der Kindheit ins Erwachsensein.

    Beim Lesen kommt man nicht auf die Idee, dass das Buch fast 50 Jahre alt ist. Tarjei Vesaas Sprache ist zeitlos. Er bedient sich keiner Schnörkel und Verzierungen und doch ist der Text voller Poesie. Die Beschreibungen des Eises und der Gefühlswelt Sinns sind eisklar und warm und voller Wärme.

    Das Eis-Schloss wurde 1964 mit dem Preis des Nordischen Rates ausgezeichnet.

  • Roman

    Die verborgenen Stimmen der Bücher von Bridget Collins

    Emmett Farmer lebt auf dem Hof seiner Eltern, er arbeitet hart und geht davon aus, dass er den Hof eines Tages übernehmen wird. Dann befällt ihn eine rätselhafte Krankheit und kaum hat er sich von dieser erholt, flattert ein Brief ins Haus. Eine Buchbinderin will Emmett als Lehrling. In Emmett Farmers Welt werden Bücher verachtet, wie auch die Menschen die mit ihnen zu tun haben. Eine Sonderstellung nehmen die Buchbinder ein. Sie stehen abseits, werden gefürchtet und mit Skepsis betrachtet, obwohl das Binden als ehrbares Handwerk anerkannt ist. Denn diese Buchbinder haben eine Gabe, sie können einem Menschen die Erinnerungen nehmen, die er nicht mehr ertragen kann, bindet sie in ein Buch und bewahrt dieses sicher auf.

    Der englische Titel des Buches ist The Binding und gefällt mir fast besser, denn nahezu gefesselt war ich von der ersten Seite an. Das Buch wird in drei Teilen erzählt. Es beginnt mit Emmetts Lehre zum Buchbinder, die ein abruptes Ende durch den Tod seiner Meisterin nimmt und ihn zu einem anderen Binder bringt. Der zweite Teil erzählt Emmetts Geschichte vor seiner Krankheit und seiner verbotenen Liebe zu Lucian, an die er sich nun wieder erinnert. Der dritte Teil wird aus Lucians Sicht erzählt.

    Die verborgenen Stimmen der Bücher ist eines der Bücher, in denen man versinkt und am liebsten bleiben würde. Leicht geschrieben, tiefsinnig und berührend.

  • Roman,  Sachliches,  Sagen und Märchen,  Uncategorized

    Ein neues Lesejahr

    … und es beginnt großartig. Hier ein kleiner Eindruck was sich gerade bei mir tummelt.

    Genaueres schreibe ich zu den Büchern, wenn ich sie gelesen habe. Gerade lese ich „Die verborgenen Stimmen der Bücher“ von Bridget Collins, Übersetzerin: Ulrike Seeberger, erschienen im Aufbau Verlag. Dazu kommt die nächsten Tage ein Beitrag.

    Ich habe eine ausgeprägte Neigung, neben belletristischen Werken Sachbücher zu lesen. Gerne parallel, komischer Weise Romane im Bett und Sachbücher am Schreibtisch. China und Japan von Kai Vogelsang ist gerade dran.

    Euch allen ein reiches literarisches, gesundes, wundervolles 2021

  • Roman,  Uncategorized

    Die Vögel von Tarjei Veesas

    Die Geschwister Mattis und Hege leben etwas außerhalb des Dorfes. Sie haben es nicht leicht, denn Geld ist rar und die Last für das für das Materielle zu sorgen liegt in erster Linie bei Hege, denn Mattis ist verloren in eine Kinderwelt und die Natur. Wenn er einmal Arbeit auf einem der umliegenden Höfe findet, ist es nicht für lange und eingestellt wird er meist aus Mitleid. Der Dussel wird er genannt und ist sich seines anders seins durchaus bewusst. Mattis liebt die Natur und er fürchtet Gewitter. Überall sieht er Zeichen und versucht den Sinn der Dinge zu entschlüsseln. Als eines Tages eine Schnepfe ihre gewohnte Flugbahn über dem Haus ändert, ist er sich sicher, das es ein Zeichen ist. Etwas wird sich ändern. Mattis schwankt zwischen Hoffen und Bangen.

    Tarjei Veesas ist in seiner Heimat einer Norwegen einer der ganz großen Autoren, aber seltsamer Weise hier zu Lande nahezu unbekannt. Dabei verdient dieser Autor eine ganz große Bühne. K. O. Knausgard hat „Die Vögel“, als den wichtigsten norwegische Roman bezeichnet. Ob er das ist, weiß ich nicht, ganz sicher ist es eine der berührendsten Geschichten, die ich jemals gelesen habe. Trajei Veesas Sprache ist schlicht und entfaltet trotzdem, vielleicht auch gerade deshalb, einen fast hypnotischen Sog. Ehe man sich versieht, befindet man sich in Mattis Welt, die man selbst dann nicht so ganz verlässt, wenn man das Buch aus der Hand gelegt hat.

  • Krimi

    Die Apotheker von Sven Böttcher

    Die Apotheker von Sven Böttcher

    Hannes und Bea Hertz, Besitzer der Hertz Apotheken, sind Apotheker aus Leidenschaft und sich auch im privaten Leben leidenschaftlich zugetan. Ihre Kunden werden, zum Teil mit eigenen Präparaten, gut bedient. So ist es Bea gelungen, ein Neurodermitis-Mittel zu entwickeln, dass im Gegensatz zum offiziellen, keine Nebenwirkungen hat. Beide Hertzens stehen der Pharmaindustrie kritische gegenüber und lehnen sich oft genug weit aus dem Fenster, was natürlich zu Schwierigkeiten führt und der Konkurrenz Futter für Beschwerden gibt. Das alles nehmen sie mit relativen Humor. Sogar zu dem für sie zuständigen Pharmareferenten Patrick Hillert pflegen sie ein gutes Einvernehmen, doch der ist auf einmal tot. Herzinfarkt unter sehr merkwürdigen Umständen und dann wird er auch noch eingeäschert, wo er doch begraben werden wollte. Un das kurz nachdem er versucht hat Bea zu überreden, ihre Galenik für das Neurodermitis-Medikament an seine Firma zu verkaufen. Hannes wittert Unrat, Bea eher nicht. Doch dann bringt Partrick Hillerts Firma ein Medikament für Multiple Sklerose auf den Markt, welches auf Beas Galenik aufbaut und für einen übertriebenen Preis verkauft werden soll. Nun überschlagen sich die Ereignisse.

    Sven Böttcher hat sich schon in dem Sachbuch Rette sich wer kann mit der Krankheitsindustrie auseinander gesetzt und greift das Thema nun belletristisch auf. Der Erzählstil ist locker, der Plot gut aufgebaut, die Aufmachung des Buches sehr edel und der Autor beherrscht sein Thema. Ein spannendes, interessantes, nachhaltiges Leseerlebnis von der ersten bis zur letzten Seite.

  • Roman,  Satire

    Esel im Klee von Eimar O’Duffy

    Cuandine, der Held, der uns schon in König Goshawk und die Vögel begegnete ist immer noch unterwegs, seine Aufgabe zu erfüllen. Wir erinnern uns: Der Weizenkönig Goshawk hatte seiner Liebsten Guzzelinda versprochen ihr alle Vögel der Welt zu schenken. Mit geschickter Propaganda wird jede Gegenwehr erstickt und es ist angezeigt einen Held teils göttlicher Herkunft zu schaffen, um diese Aufgabe anzugehen.

    Nun aber zur Fortsetzung und zu unserem Helden Cuandine, der gemeinsam mit dem Reporter Robinson und dem arbeitslosen Mac uí Rudaí auf dem Weg zurück nach Irland ist. Von dort soll die Befreiungsaktion starten. Unterwegs treffen sie auf allerlei Menschen, die ihnen die Welt erklären und Cuandine zu dem Schluss kommen lässt, dass es jede Art von Verrückten braucht, um die Welt zu ruinieren.

    Sowohl König Gohawk und Vögel als auch Esel im Klee entstanden 1926 und sind von einer frappierenden Aktualität. Eimar O’Duffy wird als der Missing Link zwischen Jonathan Swift und Fall O’Brien gesehen, auf jeden Fall hat er mit beiden Büchern eine poetische, lustige, wundervolle, zeitlose Kapitalismuskritik geschaffen, die einfach das Herz erfreut.

    Eine Anmerkungen zu den Anmerkungen. Im Text stolpern wir über viele Namen aus der irischen und englischen Mythologie, sowie über Spitznamen, die im englischen Sinn machen, aber eben nur wenn man der englischen Sprache mächtig ist. Gabriele Haefs, hat diese im Anhang gesammelt, mit entsprechenden Erklärungen versehen und auch Hinweise zur korrekten Aussprache beigeliefert. Danke dafür.

  • Einfach schön,  Sachliches

    Das schöne Leben der Toten von Milena Moser & Victor Mario Zaballa

    Jeder Mensch, egal welcher kulturellen Prägung, stellt sich irgendwann einmal die Frage: Was geschieht eigentlich nach dem Tod? … und beantwortet sie sich entweder mit: „Keine Ahnung!“ oder nach religiöser, kultureller Prägung. Meistens vermeiden die meisten Menschen es jedoch an den Tod zu denken, wobei dieser doch die einzige Gewissheit im Leben ist. In der mexikanischen Kultur werden die Toten gefeiert, sie werden am Diá de la Muertos eingeladen mit den Lebenden zu feiern. Genau genommen werden sie gelockt, denn die Verbindung zur Welt der Lebenden sind Essen, der Duft von Blumen und Freundschaft.

    Doch es ist nicht nur dieser Tag, es ist diese generell andere, eher freundschaftliche Haltung dem Tod gegenüber, die zu diesem Buch geführt hat. Milena Moser, Schriftstellerin, Schweizerin und seit fünf Jahren in den USA ansessig und Victor-Mario Zaballa, bildener Künstler toltekischer Herkunft , leben zusammen, arbeiten zusammen, sind mittlerweile verheiratet und der Tod ist für sie beide keine abstrakte Möglichkeit in ferner Zukunft, sondern täglich präsent, denn Zaballa hat mehrere lebensbedrohliche Erkrankungen, die ihn weder in seiner Kreativität noch in seiner Lebensfreude behindern. So gestaltet er regelmäßig auf der SomArt in San Francisco einen Altar zum Dia de los Muertos und auch im Hause Moser-Zaballa werden die lieben Verstorbenen an diesem Tag mit Essen, Liebe und Blumen gelockt, einen Abend mit den Lebenden zu verbringen. Die Toten müssen gelockt werden, denn ihnen geht es nach mexikanisch/toltekischer Auffassung sehr gut in einer der vielen Jenseitsmöglichkeiten.

    Es ist ein heiteres Buch, über Freundschaft, Liebe und Tod und alles was das Leben sonst noch ausmacht. Es kein langes Buch, gerade einmal 128 Seiten, illustriert mit Fotos von Victor Zaballas Altären und Zeichnungen, doch es ist auch ein gehaltvolles Buch und ein tröstendes. Ich kann es nur empfehlen.

  • Kurzgeschichten

    Geschichten, Gedichte und Rätsel aus dem Spessart

    Leselaub – Der Schreibtisch im Spessart – Herausg. Sabine Fiedler-Conradi

    Fünfzehn AutorInnen schreiben hier über ihre Heimat, den Spessart. Kleine Geschichten und Gedichte, mal besinnlich, mal lustig, mal mit historischem Anklang. Ein feines kleines Lesebuch, das mir sehr viel Freude und Lust auf den Spessart gemacht hat.

    Entdeckungen im Spessart – Dreißig Rätsel, nicht nur für Einheimische – Herausg. Sabine Fiedler-Conradi und Horst Noll

    Interessante Ort, Personen und Landschaftmerkmale werden in dreißig Texten umschrieben, so dass der Leser, die Leserin raten kann, um was oder wen es sich handelt. Die Auflösungen findet sich im zweiten Teil des Buches, wo sie im Umkehrdruck erscheinen. Die Texte sind mit wunderschönen Bildern versehen. Die Motive kann man als Postkarten erwerben.

    Eine sehr feine Idee, eine interessante Landschaft vorzustellen, über die ich bis dato viel zu wenig wusste und die ich nun gerne einmal erkunden würde.

    Wem dreißig nicht genug sind, es gibt einen 2. Teil mit 28 weiteren Rätseln.

  • Roman

    Wo du nicht bist von Anke Gebert

    Als Dr. Erich Bragenheim sich für Irmgard Weckmüller interessiert, kann sie es nicht so richtig fassen. Er, ein Arzt mit Praxis am Kurfürstendamm, sie, eine Verkäuferin im KaDeWe aus dem Wedding, ob das gut gehen kann. Doch es ist die ganz große Liebe. Sie wollen heiraten, doch das geht nicht, denn Erich Bragenheim ist Jude und mittlerweile sind Eheschließungen, dank der kruden Rassenideologie der Nazis, zwischen Juden und Ariern verboten. Treffen zwischen den Beiden werden immer schwieriger, jede Entdeckung würde für Irmgard Zuchthaus bedeuten und für Erich den sicheren Tod. Schließlich wird Erich verhaftet und kommt nach Theresienstadt und später nach Auschwitz, wo er sofort ins Gas kommt. Wie er gestorben ist, erfährt Irmgard am Ende des Krieges, als sie hofft, dass er nun endlich heimkommt und sie heiraten werden. Das ist nun nicht mehr möglich … oder doch? Irma sucht sich einen Anwalt und kämpft sieben Jahre um das Recht, dass die vom Naziregime verweigerte Eheschließung posthum anerkannt wird.

    Anke Geberts Roman basiert auf einer wahren Geschichte. Es ist eine Liebesgeschichte der besonderen Art und es führt in eine dunkle Zeit. Die Autorin beschreit sehr eindrucksvoll, wie das Grauen immer näher rückt, die Welt der Verfolgten immer enger wird, bis sie so wie sie sie kannten, nicht mehr existiert. Auch wird sehr deutlich, dass Antisemitismus keine Erfindung der Nazis war und auch nicht nach dem zweiten Weltkrieg verschwand.

    Ein sehr empfehlenswertes Buch.