Aufruhr in mittleren Jahren von Nina Lykke

Ingrid & Jan, 25 Jahre verheiratet, 2 nahezu erwachsene Söhne, ein Haus in einem Osloer Vorort, Familie, Urlaub und so weiter. Alles ist da, alles will erhalten werden und eigentlich sollte auch alles stimmen. Doch Ingrid wird täglich unglücklicher in ihrem Beruf als Studienrätin und entwickelt Gewaltfantasien gegen ihren Rektor, gegen die Eltern ihrer Schüler und gegen die Schüler. Ihre eigenen Söhne rauben ihr den letzten Nerv, weil sie einfach nicht ausziehen und der Gatte, der entdeckt plötzlich, dass er seinen inneren Rock’n Roller nie gelebt hat und dass dieser raus will. Da kommt die 35 jährige Hanne gerade recht. Jan beginnt eine Beziehung und zieht nach einer gewissen Zeit aus. Ingrid auch, sie zieht in ihr Auto und lebt erst einmal auf der Garageneinfahrt, dann macht sie sich auf den Weg nach Süden. Tja und Jan und Hanne? Die erwarten ein Kind …

Das ist also ein grober Abriss dessen, was Jan und Ingrid geschieht. Grob in so fern, dass sich in der Kürze nicht die beschreiben lässt, mit welcher Akribie Nina Lykke diese Ehe demontiert und ihre Protagonist*innen in ein neues Leben schickt. Um die Geschichte zu erzählen, nimmt die Autorin die Leser*innen mit in die Erlebniswelt der drei Hauptprotagonist*innen und das macht sie genial und mit sehr schwarzen Humor. Ein Fest!

Aufruhr in mittleren Jahren

Autorin: Nina Lykke

Übersetzerinnen: Ina Kronenberger & Sylvia Kall

Verlag: Nagel & Kimche

Erscheinungsdatum: 19.02.2018
272 Seiten
Nagel & Kimche
Fester Einband
ISBN 978-3-312-01060-8
ePUB-Format
ISBN 978-3-312-01071-4

 

Moonglow von Michael Chabon

Bevor ich etwas zum Inhalt schreibe, muss ich Lob loswerden. Ein großartiges Buch. Schon durch die ungewöhnliche Erzählform ist es außergewöhnlich, noch mehr jedoch durch die Erzählkunst Michael Chabons. Nun aber zum Buch:

Der Autor Michael Chabon sitzt am Sterbebett seines Großvaters und dieser erzählt ihm sein Leben und lüftet das eine oder andere Geheimnis. Dass er im Gefängnis war, und warum, ist kein Geheimnis. Warum er allerdings Wernher von Braun, den er im 2. Weltkrieg gejagt hat, regelrecht zu hassen schien, das schon. Dann ist da noch die Großmutter, schon seit einiger Zeit tot, die durch die Erinnerungen wieder lebendig wird. Ihr Wahnsinn und ihr Charme. Ihre Geschichte, die so einige Ungereimtheiten aufweist. Durchbrochen werden die Erinnerungen des Großvaters immer wieder von Chabons eigenen und von denen seiner Mutter.

Michael Chabon hat seinen Geschichtenteppich in die Form einer Autobiografie gepackt. Geschichten die sich aus unterschiedlichen Erinnerungen speisen, die manchmal nicht wenig von einander abweichen. Wie es halt so ist mit Erinnerungen. Die Geschichte ist auch nicht chronologisch erzählt, denn erinnert wird sich selten kohärent. Allerdings hat es diesen Großvater, in dieser Form, wohl nicht gegeben. Es ist eine Mischung aus Wahrheit und Fiktion, denn die Erinnerungen stammen zum großen Teil aus der Familie des Autors. Allerdings ist es mir beim Lesen völlig gleichgültig gewesen, ob es nun eine wahre Geschichte oder eine erfundene ist. Ich habe mich voller Begeisterung in dieses erzählerische Patchwork ziehen lassen und wäre gerne noch länger geblieben. Michael Chabon ist ein großartiger Erzähler, seine Charaktere sind real, seine Sprache bildhaft, seine Metaphern originell und sicher. Ein Buch, welches ich von ganzem Herzen empfehle.

Übrigens erklärt der Autor vieles in Fußnoten. Normalerweise mag ich Fußnoten nur in Sachtexten und bei Terry Pratchett. Dieses hier fand ich nicht nur wichtig, sondern auch äußerst amüsant.

Moonglow

Autor: Michael Chabon

Übersetzerin: Andrea Fischer

Verlag: Kiepenheuer & Witsch

ISBN 978-3-462-05074-5

erschienen am 08.03.2018

Preis: 24,00 €

 

Auf immer verbunden von Domenico Starnone

Seit über fünf Jahrzehnten sind Vanda und Aldo ein Paar. Sie haben sich mit Anfang zwanzig kennengelernt, bekamen zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, ein ganz normales Leben, bis Aldo ausbricht. Er stellt die Institution Ehe in Frage, hauptsächlich aber geht er aus der Familie, weil er sich verliebt hat, in Liddia. Jünger als Vanda, lebensfroher, weniger fordernd, selbstständiger und schön. Ein Hickhack aus Forderungen, Pflichten den Kindern gegenüber und Aufzählung von Fehlern beginnt. Vanda ist nicht bereit ihn gehen zu lassen. Nach vier Jahren kehrt Aldo zurück, vorgeblich wegen der Kinder, aber wohl eher, weil er die Angst, eines Tages von der unabhängigen Liddia verlassen zu werden, nicht erträgt. Nach seiner Rückkehr, leben er und Vanda in einer scheinbaren Normalität, doch emotional hat Aldo sich nie von seiner Geliebten getrennt. Die Geschichte beginnt mit den Briefen die Vanda während der Trennungszeit an ihn geschrieben hat und geht dann ins heute über. Das Paar kommt zurück aus den Sommerferien und finden die Wohnung verwüstet vor. Gestohlen wurde nichts, nur der Kater ist verschwunden. Während der Aufräumarbeiten stellt Aldo fest, dass die Fotos von Liddia, die er in einem blauen Würfel versteckt hatte, verschwunden sind und auch nicht auffindbar sind.

Domenico Starnone wurde einmal als Co-Autor  von Elena Ferrantes Neapel Trilogie vermutet, ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich habe die Ferrante Bücher nicht gelesen und werde es wohl auch nicht. Was ich weiß ist, dass „Auf immer verbunden“ trotz seiner Kürze, ein unglaublich gehaltvolles Buch ist. Sehr dicht und berührend. Diese in Schuld, Rache und Unglück vereinten alten Leute …  er, der nicht vergessen und sie, die nicht verzeihen kann, kommen dem Leser so nah. Ihre Gespräche hört man förmlich, so exakt sind die Dialoge. Sehr geschickt auch, die Briefe von Vanda aus der prekären Zeit voran zu setzen und Aldo später im Buch, die Gelegenheit geben, sich im inneren Monolog mit ihren Vorwürfen auseinander zu setzen.

Ich bin durch die 3-Sat Buchzeit auf diesen Roman aufmerksam geworden und hänge hier mal den Link zur Buchvorstellung an.

https://www.zdf.de/kultur/filme-dokus-kabarett/buchvorstellung-fuer-immer-verbunden-100.html

Auf immer verbunden

Autor Domenico Starnone

Übersetzerin: Christiane Burkhardt

Randomhouse 2018

ISBN: 978-3-421-04807-3

Blumberg von Andreas Niedermann

Isa Blumberg, ehemalige Journalistin, hat es nicht leicht. Da ihre Impulskontrolle nicht immer so funktioniert, wie sie vielleicht sollte, ist sie ihren Job als Ausstellungs-Aufsicht erst einmal los. Galeristinnen lassen sich halt nicht so gerne ohrfeigen. Da kommt ihr das Angebot von Skinhead Jerk, den sie aus ihrer Anti-Agressionsgruppe kennt, gerade recht. Sie soll seinen kleinen Bruder Ronny suchen. Mit einem Vorschuss ausgestattet macht sie sich an die Arbeit, nutzt alte Kontakte und trifft dabei auf die 17-jährige Penelope, deren Stiefvater zu einem Todesfall in einem Fitnesscenter ermittelte, bevor er starb. Einem Fitnesscenter, das auch Ronny frequentiert hat. Penelope, das adoptierte Mädchen aus Somalia, erweist sich als reichlich harte Nuss, doch ist bei weitem nicht Isas einzige Baustelle. Ex-Freundin Carla will sie aus der Wohnung haben und auch Isas Sohn Killian, der katholischer Priester, hat eine Menge Gepäck. Überhaupt scheinen so einige der Menschen in Isas Umfeld nicht so ganz das zu sein, was sie auf den ersten Blick scheinen.

Andreas Niedermann hat mit Blumberg einen sehr besonderen Krimi geschrieben. Seine Protagonistin, die Ex-Punkerin, Ex-Journalistin Isa Blumberg, ist nicht mehr die Jüngste und reichlich vom Leben gebeutelt. Sie ist keine Ermittlerin oder Privatdetektivin, sie arbeitet für keine Zeitung, sie interessiert sich im Grunde auch nicht für den Ronny, den sie suchen soll, sie braucht schlicht und ergreifend Geld. Also ordert sie sich explizit ein Ausländertaxi, das auch kommt. Am Steuer die hochschwangere Düzen, über die nicht viel bekannt wird. Sie ist schweigsam und ruhig, im Gegensatz zu der unter Dampf stehenden Isa und der renitenten Penelope, die sie durch das hitzegebeutelte Wien chauffiert. Überhaupt hat mir Niedermanns Art, den alltäglichen Rassismus zu schildern gefallen. Nicht als flammende Anklage gegen die Gesellschaft, sondern als etwas dem man täglich begegnet.

Andreas Niedermann ist einer der Autoren, der Spannung, Atmosphäre und Charaktere erschaffen kann, ohne in die Trickkiste zu greifen. Billige Knallefffekte hat er nicht nötig. Seine Metaphern stimmen, seine Sprache klar und unprätenziös und sein Blick auf die Gesellschaft ist ein sehr wachsamer. Besonders sympathisch ist mir, dass er nicht wertet und auf jegliche Art von moralisch erhobenen Zeigefinger verzichtet.

Vor allem haben wir es hier mit einem Autoren zu tun, der sehr viel mehr gelesen werden sollte.

Blumberg

Autor: Andreas Niedermann

Verlag: Songdog Wien

Broschiert: 20,00 €

E-Book:

Die Ermorderung des Commendatore – Teil 1 von Haruki Murakami

Der Ich-Erzähler in Die Ermordung des Commendatore I – Die Idee erscheint ist ein Porträtmaler, der sich nach dem Scheitern seiner Ehe in das Haus des Vaters eines Freundes zurückgezogen hat. Dieser Vater war, bevor er in die Demenz versank, einer der anerkanntesten Maler des japanischen Nihonga Stils. Der Ich-Erzähler, Namen werden nicht genannt, findet in dem Haus ein Gemälde mit dem Titel Die Ermordung des Commendatore und erkennt, dass der Künstler hier eine Szene aus Don Giovanni im Nihonga Stil gemalt hat. Er ist fasziniert von dem Bild, vertieft sich mehr und mehr in es und rätselt über dessen Geschichte. Plötzlich erhält er das Angebot einen Unbekannten zu porträtieren. Nicht zuletzt, wegen des hohen Honorars akzeptiert er und lernt Herrn Menshiki kennen, der, wie sich herausstellt, ganz in seiner Nähe lebt. Plötzlich ereignen sich merkwürdige Dinge im Haus, nachts erklingt zu einer bestimmten Zeit eine Glocke, doch niemand befindet sich in der Nähe und eine Puppe taucht auf, die sich die Idee nennt, sie hat die Gestalt des Commendatores aus dem Gemälde …

Das Buch lässt mich merkwürdig zerrissen zurück. Einmal hatte ich es schwer in die Geschichte herein zu kommen, dann allerdings entwickelte sie einen starken Sog und ich dachte, toll, gefällt mir sehr, doch so wie ich es zur Seite legte, fragte ich mich was ich denn so toll daran gefunden hatte. Sicher die Geschichte zieht einen hinein, doch wenn man einiges von Murakami gelesen hat, kommt einem vieles bekannt vor. Die Symbolik, die in Sachen Krisen- oder Vergangenheitsbewältigung durch die Gegend reisende und sich schließlich  irgendwo niederlassende Hauptperson, die fantastische Ebene, ein geheimnisvoller Fremder. Alles ist da. Vielleicht ist es zu früh, ein abschließendes Urteil zu fällen, denn es wird ja einen zweiten Teil geben, der erste endet mit einem Cliffhänger, aber ich bin zu dem Schluss gekommen, dass da ein geschickter Handwerker ins Ideenlager gegangen ist, einiges zusammengerafft hat und daraus unter Zugabe einer Menge heißer Luft, ein Netz gewebt, das den Leser, die Leserin, schnell gefangen nimmt. Doch ist das Material brüchig und man ist schnell wieder befreit.

Die Ermordung des Commendatore I – Die Idee erscheint

Autor: Haruki Murakami

Übersetzung aus dem Japanischen: Ursula Gräfe

Dumont Verlag